Achtung: Wer sich gerne überraschen lassen möchte, sollte diese Kritik nicht lesen. Es gibt kaum etwas Schöneres, als sich angesichts des trüben Matschwetters bei einer Tasse Tee und einem anständigen Kontingent erlesenenen Backwerks alleine oder mit Gleichgesinnten unter eine Decke zu kuscheln und einen gepflegten Schloss-Einstein-Marathon zu zelebrieren. Anstatt stundenlang haufenweise ausgeleierte VHS-Aufnahmen durchzuspulen, wird einem diese Unternehmung jetzt mithilfe der neuen SE-DVDs wesentlich erleichtert. Das Werk besteht aus einem Schuber, der drei Einzel-DVDs enthält. Auf den ersten Blick wirkt das für das Vergnügen zu entrichtende Entgelt von 15 € ziemlich taschengeldfreundlich, was sich aber relativiert, wenn man beachtet, dass wenigstens 450 der 607 Minuten Spielzeit—nämlich die 18 SE-Folgen—lediglich wiederveröffentlichtes Material sind. Trotzdem löblich, dass die Jugend, im Gegensatz zu Klingeltönen und anderem Spielzeug nicht allzusehr abgezockt wird. Die Navigation gestaltet sich auf DVDs mit so viel Material naturgemäß unbehelf und schwerfällig, ist aber in diesem Falle "relativ" gut gelöst. Leider sind die Einspieler am Anfang jedes Staffel-Hauptteils—also die Kurzvorstellungen der Jahrgänge—nicht in irgendwelchen Menüs anwählbar, sondern nur direkt nach dem Start des Kapitels zu sehen. Für jemanden, der sich an die allererste Folge nur unzureichend erinnern kann (wie den Autor vorliegender Rezension) ist es natürlich interessant, die Bemühungen der Drehbuchautoren zu beobachten, anfangs alle Charaktere einzuführen. Der alte Fehler, bei jeder Anrede den Namen zu nennen, ist auch hier gemacht worden - die Namen merkt sich auf die Schnelle sowieso keiner. Auch fällt auf, dass SE heute kameratechnisch (und dankenswerterweise von der "Filmmusik" her) etwas anders produziert wird, so sind beispielsweise die komplizierten Hitchcock'schen Fahrten durch die Flure des Internats heutigentags kaum noch zu sehen. An SE-Folgen bringt die Kompilation übrigens die jeweils ersten drei Folgen einer jeden bisherigen Staffel, außer bei der sechsten—da ist der 300-Folgen-Jubiläumsblock zu sehen. Für eingefleischte SE-Fans ist diese DVD natürlich vor allem wegen des Bonus-Materials attraktiv. Ein Gutteil davon wurde im Dezember 2004 gedreht, ist also wesentlich aktueller als die vor über einem halben Jahr fertiggestellten Folgen, die derzeit laufen. Andererseits kommen einem einige der Reportagen seltsam bekannt vor. Neues aus Einstein ist ja in loser Folge schon mal zu sehen gewesen. Die an anderer Stelle angekündigten Szenen mit Versprechern und Drehpannen (also Rausgeschnittenes, was man im anglophonen Bereich als Bloopers oder Outtakes zu bezeichnen pflegt) sind, wenn man von einer einzigen solchen Szene im Segment der Fourtunes mal absieht, so nicht enthalten. Sehr schöne Bilder von Ronja (aber wer hätte anderes erwartet) sehen wir im Segment Die Verwandlung von Ronja Prinz, das übrigens von Paula Schramm auf ihre gewohnte sympathisch-süß-spritzige Art moderiert wird. Auch interviewen sich SE-Darsteller und Macher gegenseitig, besonders interessant hier: Josefine Preuß und Florens Schmidt. Ebenfalls sehenswert sind die Segmente mit Laura Lass und dem Erfinder von SE, Dieter Saldecki, sowie Katharina Wiens Interview mit Klaus Kemmler. Eine weiterer Leckerbissen sind die SE-Checks: Ausgewählte Stories und Szenen werden von den Darstellern aus heutiger Sicht kommentiert. Die Idee ist zwar nicht unbedingt neu, aber diese "Checks" sind dessenungeachtet sehr interessant, ganz besonders für Fans der Oldstars. Der Vergleich heute-damals ist beeindruckend. Manche Leute würde man kaum wiedererkennen, und die Kommentare sind ungemein wertvoll—wenngleich manchenteils arg knapp gehalten und ein wenig zappelig zusammengeschnitten—für eine tiefere Einsicht in das Konzept der Serie und als Klarstellung, was für die Darsteller an welcher Stelle wirklich wichtig war. Leider verliert sich dieses Segment von Staffel zu Staffel immer mehr in aussagearmem Gekicher und Zwei-Wort-Belanglosigkeiten. Schade, hieraus hätte man wesentlich mehr machen können. Das Problem bei diesem Verfahren liegt ganz offensichtlich darin, dass der zeitliche Abstand zwischen dem Dreh der Folgen und dem Kommentar bei den neueren Staffeln soweit zusammenschrumpft, dass ein verarbeitendes Reflektieren bei den ohnehin noch sehr jungen Schauspielern nur unzureichend gegeben ist. Auf der anderen Seite erleben wir bei gerade diesen Kommentaren eine Ronja Prinz, wie wir sie weder als Tessa, noch bei der frühen Fortsetzung Folgt-Doku kennengelernt haben: Im Duett mit Anne-Sophie Strauß werden auf spontane, ungezwungene und gnadenlos ehrliche Weise einige verdrießliche Szenen mit deutlichem Vokabular bedacht. Schon diese Szenen rechtfertigen den Kauf für echte Ronja-Fans. Enttäuschend hingegen ist die Vorstellung der neuesten Generation - sie beschränkt sich auf ein "Hallo, ich bin X und spiele Y bei Schloss Einstein". Dafür kommen die Fans der SE-Band Fourtunes nicht zu kurz. Besonderes Highlight: Die Audition-Tapes (u.a. mit einem Eminem-rappenden Patrick) werden in Ausschnitten gezeigt. Insgesamt lässt sich sagen, dass dieses DVD-Trio eine lohnenswerte Anschaffung darstellt, selbst wenn fast jeder sagen wird: Den oder die hätte ich gern ausführlicher gesehen, oder aus der und der Sache hätte man mehr machen können. Das hätte dann aber auch die Kosten erheblich in die Höhe steigen lassen. So ist eine informative und unterhaltsame Retrospektive entstanden, die man sich gönnen sollte. Empfehlung: Umgehend kaufen! Best of Schloss Einstein, Laufzeit: ca 607 Min., PAL, 14,99 € |
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